Artikel in der badischen Zeitung: Ein Geschenk mit der rechten Würze

17.12. 2011

Artikel in der badischen Zeitung: Ein Geschenk mit der rechten Würze

STÜHLINGER. Im Ferdinand-Weiß-Haus, der Anlauf- und Beratungsstelle der Diakonie Freiburg treffen sich täglich bis zu 100 Frauen und Männer, die meisten Hartz-IV-Empfänger und ohne Wohnung. In der Regel kommen sie zum Duschen, Frühstücken oder Spielen. Eine besondere vorweihnachtliche Überraschung gab es gestern. Die indische Geschäftsfrau Romaine Reichenbach kochte ihnen ein indisches Mittagessen.

"Wird das Essen scharf?", wollen drei Wohnungslose wissen, als Romaine Reichenbach mit dem Kochen beginnt. "Das wird auf jeden Fall gut gewürzt", entgegnet ihnen die aus Mumbai stammende Inderin. Sie lebt seit einigen Jahren in Deutschland und vermittelt seit 2009 mit ihrer Agentur "Clickcareer" Praktika für Deutsche in Indien. Die Idee im Ferdinand-Weiß-Haus, ein indisches Essen zu zaubern, kam ihr vor einigen Wochen. Dank ihrer Teilnahme an der Stadtführung "Obdachlose in Freiburg", die von der Volkshochschule angeboten wird, lernte sie einige Menschen ohne eigene Wohnung sowie Klaus Fournell kennen. Der Sozialpädagoge organisiert die besondere Stadtführung und leitet mit zwei Kollegen die Tagungsstätte im Stühlinger.

Als die 28-Jährige mit ihrem freiwilligen Engagement auf ihn zukam, musste er nicht lange überlegen. "Das ist schon etwas Besonderes", findet er und weiß das soziale Engagement zu schätzen. Romaine Reichenbach sieht sich mit ihrer Organisation in der sozialen Verantwortung und findet nicht, dass den bedürftigen Menschen mit einer Geldspende geholfen ist. Es gehe darum, etwas zu bieten und ihnen eine persönliche Freude zu machen. Dass sie dafür außer der Organisation eines Weihnachtsmannbesuchs und von Geschenken von Studenten der Freiburg International Business School, wo sie als Dozentin lehrt, auch ein indisches Essen zubereitet, liegt für sie auf der Hand: "Gerade durch ein Essen kann man sehr viele Herzen erreichen."

Und so kocht sie zusammen mit ihrer indischen Bekannten Chandni Basu und der Hilfe einiger Obdachloser. Zu ihnen gehört David Kocsis. Der Hartz-IV-Empfänger lebt seit diesem Jahr in einer Notunterkunft in Freiburg und schaut regelmäßig im Ferdinand-Weiß-Haus vorbei. Während der Weihnachtsmann die Geschenke verteilt, bleibt er lieber in der Küche und schneidet die Zwiebeln. Neben Putencurry und Fladenbrot gibt es Ananas-Raita (eine dem griechischen Tsatsiki verwandte Joghurt-Creme) sowie Mango-Lassi, ein indisches, mit Zimt verfeinertes Joghurtgetränk.

Jeanette Joseph, ebenfalls regelmäßiger Gast in der Tagesstätte der Diakonie, deckt währenddessen die Tische. Sie hat diese Woche sieben Linzertorten gebacken und ist mächtig stolz. Nun freut sie sich auf indische Spezialitäten.

Während später einige schnell ihren Teller leeren und Nachschlag wollen, fragen andere interessiert nach den Zutaten und Rezepten. Von den Tischen wird gerufen: "Schmeckt super", "Total lecker", "Ganz toll". Auch Jeannette Joseph ist zufrieden und meint: "Die Kombination war perfekt." Ein Teilnehmer, der kulinarisch bewandert scheint, geht sogar zur Köchin und flüstert ihr lobend zu: "Ich habe lange nicht so authentisch indisch gegessen." Reichenbach freut sich darüber und möchte auch im kommenden Jahr mit einem Weihnachtsessen Menschen eine Freude machen. Sie denkt dabei an ein Kinderheim oder eine Schule.

Bleibt die Frage, wie Romaine Reichenbach, die nächste Woche nach Indien fliegt, Weihnachten feiert. "Kirche, Familie, Freunde, Essen, Party", erzählt sie. Da sie in ihrem hinduistisch dominierten Heimatland zur Minderheit der Katholiken gehört, verbringe sie Festtage ähnlich wie die meisten Deutschen.

Artikel in der badischen Zeitung: http://www.badische-zeitung.de/freiburg-mitte/ein-geschenk-mit-der-rechten-wuerze--53603675.html

Artikel in der badischen Zeitung: Ein Geschenk mit der rechten Würze