Amelies Online Adventure Diary-3

01.09. 2010

2. August, Mo: Vororte: Matunga “das Mini Süd-Indien“

2. August, Mo: Vororte: Matunga “das Mini Süd-Indien“

 

Programm:

09:00-10:00 Uhr: Taxi nach Matunga

10:00-12:00 Uhr: Schau dich in Matunga um und finde heraus, was man dort verkauft        

  und was besonders ist.... Warum nennt man es das Mini Süd-Indien?

12:00-13:00/13:30 Uhr: Mittagessen im Culture Curry Restaurant: Nimm das 

                                     Kooru Curry!

13:30 Uhr: Nimm ein Taxi und geh zur Mahim Junction Railway Station

14:45-17:15 Uhr: Slum Tour durch Dharavi

Abends: Abendessen bei einer indischen Familie

 

Matunga:

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg nach Matunga, einem von Mumbais vielen Stadtteilen. Schon beim ersten Blick fällt auf, dass es irgendwie anders ist als das was ich bisher von Mumbai gesehen habe.

Obwohl auf den Straßen schon ganz schön viel los ist, scheint es irgendwie ruhiger zuzugehen als im rest lichen Mumbai. Auffällig sind vor allem die Scharen von Schülern, die in ihre Schuluniform gekleidet einander hinterherjagen. An den Straßenrändern reihen sich unzählige Gemüse-, Obst- und auch Blumenstände und die Händler preisen mir im Vorbeigehen immer wieder ihre Waren an. Edle, farbenfrohe Stoffe und Kleidungsstücke vervollständigen die intensive Farbenpracht der angebotenen Dinge.

Je länger ich umherstreune, desto mehr fällt mir auf, dass viele Menschen hier vorwiegend eher westliche Kleidung wie Jeans, T-Shirt und Turnschuhe tragen als traditionell indische Kleidung - vor allem Kinder und Jugendliche. Kurz darauf komme ich an einer ganzen Reihe moderner Colleges und Junior Colleges vorbei, die alle noch sehr neu und eher teuer aussehen. Ich gehe mal davon aus, dass es sich um Privatschulen handelt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wimmelt es nur so von Studenten, deshalb setze ich mich auf eine kleine Mauer, die ihnen als Treffpunkt zu dienen scheint.Vielleicht habe ich ja Glück und werde von jemandem angesprochen, der mir etwas über Matunga erzählen kann. Aber die Studenten scheinen sich nicht für mich zu interessieren und schauen mich nicht einmal neugierig an. Wenn man bedenkt, dass ich die letzten beiden Tage wegen meiner Größe und Hautfarbe so etwas wie eine laufende Attraktion für alle Passanten gewesen bin, kommt mir das ein bisschen komisch vor. Also beobachte ich nur das Geschehen und sehe zu, wie sie sich gegenseitig die T-Shirts bemalen und Armbändchen in verschiedenen Farben um ihre Handgelenke binden. Heute muss wohl irgendein besonderer Tag sein, aber in meinem Reiseführer kann ich für diesen Tag kein besonderes Ereignis finden.

Nach einer Weile mache ich mich auf die Suche nach dem Restaurant in dem ich zu Mittag essen soll. Außer dem Namen habe ich sonst keine Information und wenn ich jemanden nach dem Weg frage, weiß keiner so recht wo ich hin muss. Der Name des Restaurants scheint jedem hier fremd zu sein und langsam zweifle ich daran, ob ich mich auch wirklich am richtigen Ort befinde. Also laufe ich einfach die Hauptstraße auf und ab und finde schließlich heraus, dass ich mich in East Matunga befinde, das Restaurant ist allerdings in West Matunga. Weil ich kein Taxi nehmen will, frage ich mich nach West Matunga durch. Inder sind generell sehr hilfsbereit, daher dauert es auch nicht lange bis ich vor den Türen des Culture Curry Restaurants stehe.

 

Im Culture Curry Restaurant

Beim Betreten des Culture Curry Restaurants fallen mir als erstes die bunt bemalten Glasfenster im Türrahmen auf. Auch drinnen sind Wände und Decken geschmackvoll bemalt und lassen den Raum einladend und gemütlich erscheinen. Culture Curry steht in Zusammenarbeit mit den Restaurants Goa Portuguesa (Best Restaurant Award von der Times of India) und Diva Maharashtracha. Alle drei haben sich auf südindisches Essen spezialisiert und gehören wohl zu den besseren Restaurants hier in der Gegend.

Wie aufgetragen bestelle ich das Kooru Curry und unterhalte mich in der Zwischenzeit mit dem Kellner über Matunga. Dabei finde ich heraus, dass sich hier viele Menschen aus dem Süden Indiens angesiedelt haben. Da der Süden in der Vergangenheit sehr stark von westlichen Einflüssen geprägt worden ist, wie z. B. den Portugiesen in Goa, wurden deren westliche Werte von den Menschen dort - mehr oder weniger freiwillig - aufgenommen oder in die eigene Kultur integriert. Das erkennt man dann z. B. auch an der Kleidung. Der Kellner erzählt weiter, dass die Bewohner von Matunga hauptsächlich im administrativen Bereich bzw. als Beamte arbeiten. Ihr Einkommen ist also höher, daher können es sich die ansässigen Familien leisten, ihre Kinder auf bessere Schulen und Universitäten zu schicken. Das alles erklärt auch einige meiner Beobachtungen, die ich am Morgen gemacht habe.

Inzwischen ist das Essen angekommen und es schmeckt total lecker und nicht zu scharf. Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, was da alles drin ist, aber ich kann es nur weiterempfehlen. Curry ist übrigens kein Gewürz, wie viele Menschen irrtümlich annehmen, sondern der Name eines Gerichts. Für uns Deutsche sieht es etwa so aus wie eine Art Eintopf. Dazu isst man Reis oder indisches Brot, das frisch zubereitet wird.

Nach dem Essen bestelle ich mir noch eine Tasse Chai Tee, das ist sozusagen das indische Nationalgetränk. Der Chai Tee wird zusammen mit Milch und Zucker aufgekocht und schmeckt sehr lecker. Inder trinken ihn quasi wie Wasser und an jeder Ecke findet man jemanden, der mit einer Kanne und Plastikbechern bewaffnet versucht, sich ein paar Rupien dazuzuverdienen.

So langsam wird es Zeit, mich auf den Weg zur Slum Tour zu machen. Ich verabschiede mich also von dem netten Personal und steige in ein Taxi zur Mahim Junction Railway Station.  

 

Beurteilung: Wer gutes südindisches Essen in einer angenehmen Umgebung probieren will, sollte hier unbedingt vorbeischauen. Die Preise sind etwas höher als in anderen Restaurants, aber der Zuschlag lohnt sich auf jeden Fall. Die Portionen sind groß, das Essen sehr gut und das Personal äußerst zuvokommend. Ausserdem ist es sehr ruhig und ein willkommer Gegensatz zum hektischen Treiben vor der Tür.

 

Die Slum Tour durch Dharavi:

Als ich auf meinem Plan gelesen habe, dass ich eine Slum Tour machen soll, war ich zuerst ein wenig skeptisch und vielleicht auch ein wenig ängstlich. Wenn ich bisher an Slums gedacht habe, dachte ich an die Ärmsten der Armen, an Kranke, an Hungernde und an eine hohe Kriminalitätsrate. Auch die anderen Teilnehmer der Tour, zwei Amerikanerinnen, drei Kanadier und ein Ire, wussten nicht so recht was uns erwarten würde. Unser Tour Guide versichert uns jedoch, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen und dass seine Organisation genau aus diesem Grund Slum Touren anbietet: zur Aufklärung.

Dharavi ist der größte Slum in ganz Südasien und wird offiziell von einer Millionen Menschen bewohnt. Inoffiziell sind es aber weitaus mehr.  Eine genaue Zahl zu ermitteln ist schwierig, weil viele Menschen nicht registriert sind oder illegal in Mumbai leben.

Als wir Dharavi betreten, fällt mir als erstes auf, dass die meisten Häuser nicht aus Sperrholz, Pappe und Abdeckplanen bestehen wie die kleinen Hütten überall sonst in Mumbai, sondern aus solidem Stein oder sogar Beton. Ausserdem sieht es auch gar nicht ganz so übel und heruntergekommen aus, wie ich es mir immer vorgestellt hatte, sondern ähnelt eher einer kleinen Stadt.

Da der Hauptaspekt dieser Tour auf den verschiedenen Unternehmen und Industrien Dharavis liegt, ist unser erster Stop die Plastikindustrie. Hier wird altes Plastik gesammelt, sortiert, gesäubert, zerkleinert und dann in winzig kleine Plastikpellets verarbeitet. Diese werden dann

zurück an die Firmen verkauft, die die Pellets wieder zu neuen Plastikprodukten verarbeiten. Bei der Besichtigung dieser Industrie zeigt uns der Tour Guide, wo das Plastik sortiert wird. Wir betreten einen Raum, in dem die hintere Wand vollgepackt ist mit allem Möglichen an altem Plastik. Davor sitzen etwa sechs Männer, die, wie uns später erzählt wird, alle Migranten aus Nordindien sind. Viele Migranten kommen nach Mumbai, um dort Arbeit zu finden damit sie ihre Familien unterstützen können. Die meisten davon landen in Dharavi. Allerdings verdienen sie nicht genug, dass sie sich eine Unterkunft leisten können und schlafen deshalb in dem Gebäude, in dem sie arbeiten. Die Männer in der Plastiksortiererei arbeiten tagsüber im Erdgeschoss, abends schlafen sie zu siebt oder acht auf dem Dachboden. Um sich eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus in Dharavi leisten zu können, muss man mindestens 6000 Rupien (ca. 100 €) im Monat verdienen, sonst kann man sich die Miete und Essen nicht leisten. In der Plastikindustrie verdienen die Arbeiter für 10 Stunden Arbeit etwa 150 Rupien (ca. 2,50 €), also nicht besonders viel. Schutzkleidung gibt es übrigens in keiner der Unternehemen. Wer also am Schweißgerät arbeitet, muss das ganz ohne Handschuhe und Schutzbrille tun.

Zwei weitere Industrien sind die der Wiederaufbereitung von Farb- und Ölkanistern. Alte Kanister werden gesäubert, ausgebeult und auf aufwendige und umweltschädliche Art von den ursprünglichen Etiketten und Prägungen befreit. Die fertigen Kanister werden dann wieder an die Firmen verkauft, von denen sie ursprünglich gekommen sind. Die Kanister müssen allerdings makellos sein, sonst werden sie von den Firmen nicht mehr angenommen.

Eines der rentableren Geschäfte ist wahrscheinlich das Herstellen von verschiedenen Arten von Leder. Allerdings möchte ich dazu nicht zu sehr ins Detail gehen, weil zumindest die ersten Phasen dieser Arbeit nicht schön anzusehen sind.

Es gibt auch noch andere Geschäfte und Industrien in Dharavi, wie z. B. das Herstellen von Tonprodukten oder Kleidung, aber leider haben wir zu wenig Zeit um alles zu besichtigen. Ein interessanter Fakt ist allerdings, dass diese Industrien im Jahr 665 Millionen US-Dollar Umsatz machen! Damit hätte ich nie gerechnet. Allerdings geht das ganze Geld nicht an die Arbeiter, sondern an die Besitzer der Unternehmen, von denen natürlich keiner in Dharavi lebt.

Als nächstes erzählt uns unser Tour Guide etwas über das Leben im Slum. Er erzählt, dass sich die Menschen, die hier leben, zu einer Gemeinschaft zusammen geschlossen haben. Sie helfen und unterstützen sich gegenseitig, Herkunft und Religion sind dabei egal. Um das zu beweisen, zeigt er uns einen kleinen öffentlichen Gebetsort, der eigentlich nur aus einer 4m² großen Fläche besteht, in deren Mitte sich ein gefließter Würfel befindet. Beim Betrachten des Würfels fällt allerdings auf, dass dort Götter von verschiedenen Religionen abgebildet sind. So sieht man z. B. die typischen Hindu-Götter, aber auch muslimische Merkmale oder Jesus Christus sind zu erkennen.

Wir gehen weiter zu einer der Grundschulen in Dharavi. Insgesamt gibt es hier drei Arten von Schulen, bzw. drei verschiedene Betreiber: die Regierung, NGOs (Non-Governmental Organisations) oder private Betreiber. Die staatliche Schule ist umsonst, allerdings ist dafür der Unterricht nicht so gut, die Lehrer kommen spät oder gar nicht. Die privaten Schulen kosten Geld, sind aber sehr gut organisiert und die Lehrer haben eine gute Ausbildung. Als Mittelmaß gelten die NGO-Schulen, da sie nicht ganz so teuer sind, aber trotzdem einen guten Unterricht anbieten. Insgesamt gehen etwa 80% der Kinder zur Schule und viele davon wollen auch weiter aufs College gehen.

Unsere Tour endet im Community Center, wo an einer Reihe von Computern Kurse für Microsoft Word, Excel und Access stattfinden, um den Jugendlichen in den Slums bessere Chancen zu ermöglichen einen Job zu finden. Ich bin ein bisschen traurig, dass die Tour schon zu Ende ist, denn es gibt sicher noch viel mehr zu entdecken und zu lernen.

Mein Fazit: Slums, zumindest Dharavi, sind in keinster Weise nur ein Ballungsraum für Armut und Elend. In Wirklichkeit sind sie eigenständige Kommunen die alles haben, was man zum Leben braucht. Natürlich gibt es hier keine reichen Menschen, aber soweit ich das beurteilen konnte auch niemand, der am Existenzminimum kratzt.

 

Beurteilung: Sehr interessant und aufschlussreich! Die Tour sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!

 

 

Abendessen bei einer indischen Gastfamilie:

Am Abend waren meine Chefin und ich bei einer ihrer Gastfamilien zum Essen eingeladen. Jitender und seine Frau Anju sind sehr nette Leute, und wie bei indischen Familien üblich, waren natürlich auch Geschwister, Schwager, Kinder und die Großmutter anwesend.

Vor dem eigentlichen Essen wurden zunächst unzählige Snacks serviert und über alles Mögliche geplaudert. Wieder einmal hatte ich keine Ahnung, was ich da alles an vegetarischen Köstlichkeiten zu mir nehme, aber Anju ist eine super Köchin, da bleibt keine Zeit für viele Fragen.

Bis der Hauptgang serviert wird, unterhalten wir uns hauptsächlich über Indien und Deutschland und deren kulturelle Unterschiede. Da Jitender und seine Familie Hindus sind, erklärt er mir ein wenig über den Gott Ganesha, der als Relief über dem Esstisch hängt. Der Hinduismus ist für mich ein wenig verwirrend, weil es so viele Götter und Unterordnungen der Götter gibt und ich deren Zusammenhang nicht so richtig verstehe. So weit ich weiß ist Ganesha, der so aussieht wie ein Elefant, der Gott der bei Unternehmungen hilfreich zur Seite steht und alle Hindernisse aus dem Weg räumt.

Während wir uns unterhalten füllt Jitender meinen Teller immer wieder mit Snacks, und als der Hauptgang schließlich serviert wird, bin ich schon längst voll. Allerdings will ich ja nicht unhöflich sein, deshalb nehme ich mir von allem ein bisschen und lasse mir von Jitender und seiner Schwiegermutter zeigen, wie man richtig mir der rechten Hand isst. In Indien benutzt man nämlich nur selten oder gar kein Besteck. Man nimmt ein Stück Brot zwischen Daumen und Zeigefinger und klemmt dann quasi das Essen dazwischen. Das hört sich aber leichter an als getan, und nach einer Weile gehe ich dann doch zum Besteck über. Später zeigt mir Anju in der Küche, wie man typisches indisches Brot macht, was gar nicht so einfach ist. Das macht man nämlich am offenen Gasherd, deshalb muss man schnell sein damit das Brot nicht zu fest wird oder sogar verbrennt. Anju sagt, nur wer das kann darf sich in Indien eine gute Köchin nennen.

Zum Schluss, kurz bevor ich aus allen Nähten platze, gibt es dann noch Nachtisch, um das Essen abzurunden.

Bevor wir gehen bindet uns Oma noch jeweils ein Bändchen um das Handgelenk, genauso wie all die Schüler, die ich heute Morgen beobachtet habe. Oma erklärt, dass heute Freundschaftstag ist, und als Zeichen der Freundschaft verschenkt man diese Bändchen. Ein schöneres Ende für diesen Tag hätte ich mir nicht vorstellen können.

 

Erkenntnis: Indische Familien sind sehr gastfreundlich und supernett. Wer als Praktikant nach Mumbai kommt, sollte unbedingt bei Jitender und Anjus Familie wohnen. Sie werden gut auf Dich aufpassen und Dir helfen Dich einzugewöhnen.

 

 

Tipp des Tages:

Wenn Du zum Essen eingeladen bist, dann verzichte lieber auf jede andere Mahlzeit an diesem Tag!